Das Johann Wewer Projekt

Wer ist Johann Wewer?

Bild aus Familienbesitz der Nachfahren zeigt Johann Wewer (ca. 1935).

Leipzig/Bremen – 30. April 2022 (RA)

Dieses gemeinnützige, inklusive „Johann Wewer Projekt“ dient der Erinnerungskultur für die Opfer der NS-Medizinverbrechen und ist sowohl dem gottgläubigen Seemann Johann Wewer (hochdeutsch Johannes Weber), geb. am 22. Oktober 1877 in Westrhauderfehn, Ostfriesland gewidmet als auch nach ihm benannt.

Der dreifache Vater und Ehegatte einer späterblindeten Ehefrau wurde während des 2. Weltkriegs an einem nicht überlieferten Datum 1941 aus der Wohnung in Bremen-Gröpelingen abgeholt und an einen unbekannten Ort gebracht. Er solle ein Gewaltopfer der Nationalsozialisten gewesen sein wurde späteren Generationen übermittelt.

Ende Februar 1942 erhielt seine Familie in Bremen-Gröpelingen die Nachricht über den Tod und die Aufforderung, dass der Leichnam in Bremen-Osterholz abgeholt werden müsse. Sein ältester Sohn Johannes, geboren 1908 lud ihn dort auf einen Handwagen auf und zog ihn mehrere Kilometer durch die Straßen bis zu einem Friedhof auf dem er von seinem Sohn bestattet wurde.

Innerhalb der betroffenen Familie wurde das Geschehene um den Tod Johann Wewers im Grunde nie behandelt und die Geschichte wurde nur bruchstückhaft weitergegeben. Lediglich sein Sohn Johannes Weber schilderte in knappen Erzählungen seiner Tochter und einem seiner Enkelkinder, die Geschichte um die schwierige Identifizierung des toten Vaters und den Transport des Leichnams mit dem Handkarren zum Friedhof.

Als die Generation der Kinder Johann Wewers und derer Ehegatten bereits verstorben waren wollte ein Urenkel 2012, also gut siebzig Jahre nach den ungefähren Tod bei seiner Ahnenforschung näheres über die genauen Umstände vom Verbleib seines Urgroßvaters erfahren. Es dauerte dann noch zehn Jahre, bis 2022 sich das Schicksal und der Verbleib Johann Wewers genauer aufklärte. Aufgrund fehlerhafter Überlieferungen innerhalb der Familie und Zuordnungen an falsche Orte wurde bis dahin ergebnislos gesucht. Erschwerend kam hinzu das ein vorhandenes Dokument, ein Schifffahrtsbuch als Rentennachweis, seinen Namen mit Johannes Weber auswies und nach diesem verständlicherweise erfolglos gesucht wurde.

Bild aus Familienbesitz zeigt Johann Wewer (re.) im Luftschutzturm Scharmbecker Straße, Gröpelingen (ca. 1940/41).

Mit Hilfe des Vereins „DIE MAUS, Gesellschaft Familienforschung e.V.“ aus Bremen wurde das genaue Sterbedatum und der Sterbeort ermittelt. Bei der digitalen Diskussion innerhalb der Facebook-Gruppe der „DIE MAUS“stellte sich heraus, dass der Sterbeort in der Osterholzer Landstraße. 51 in Bremen 1942 keine gewöhnliche Wohnadresse gewesen ist. Handelte es sich bei dieser Adresse um ein Haus der „Bremischen Heil- und Pflegeanstalt Ellen“ des ehemaligen „St. Jürgen Asyls“, die älteste selbständige Psychiatrische Anstalt in Bremen. 

Bremische Heil- und Pflegeanstalt

Was ist über die „Bremischen Heil- und Pflegeanstalt“ zu der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 bekannt? Noch vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am 1. Januar 1934 trat der seit 1928 im Amt befindliche Direktor Dr. Friedrich Karl Walter für die Zwangssterilisierung sogenannter „Erbkranker“ ein. Unter seiner Führung war bis 1934 bereits die Hälfte der Patienten zwangssterilisiert worden. Ab 1934 wurde er durch den Psychiater Dr. Theodor Steinmeyer ersetzt. Es wurden insgesamt 2.665 Männer und Frauen aus Bremen zwangssterilisiert.

Zwischen 1938 und 1944 wurden fast 1.000 Patienten im Rahmen der fälschlich bezeichneten „Euthanasie“, der „Aktion Gnadentod“ in andere Anstalten verlegt; von ihnen wurden über 700 umgebracht, die meisten in den Tötungsanstalten Hadamar und Meseritz-Obrawalde. In der „Bremischen Heil- und Pflegeanstalt“ kamen Kranke auf Grund von Überbelegung und absichtlichem Vernachlässigen zu Tode auch mittels der sogenannten E-Kost: Gemüsereste wurden so lange zerkocht, bis sie keinerlei Nährstoffe mehr enthielten. Die Patienten verhungerten praktisch beim Essen oder fielen, stark geschwächt, Infektionskrankheiten zum Opfer.

Eine weitere Methode zur Tötung der in der „Bremischen Heil- und Pflegeanstalt“ befindlichen Patienten hatte der Arzt Dr. Hermann Paul Nitsche schon 1940 das sogenannte „Luminalschema“ entwickelt. Eine leichte Überdosierung dieses Schlafmittels sollte die Verlegungspatienten unauffällig töten:

„Das geschah dadurch, daß einmal oder mehrfach den Kranken gewöhnlich zweimal 0,3 Gramm täglich Luminal, eine an sich zulässige, bei schwachem Zustand jedoch für manchen Kranken zu hohe Dosis – manchmal auch dreimal 0,3 Gramm Luminal verabreicht wurde.“

Aus dem Urteil des Landgerichts Dresden vom 7. Juli 1947, Nr. 1 Ks 58/47 gegen Paul Nitsche

Möge die Entrechtung, Verfolgung, körperliche und seelische Qual und Ermordung des Familienvaters von drei erwachsenen Kindern und mehreren Enkelkindern durch die Nationalsozialisten uns eine Mahnung und auch eine Selbstverpflichtung sein, Vorhaben im Kontext auf Grundlage dieser Erinnerungen während des gesamten Projektprozesses zu achten.

Fazit und Aufgabenstellung

Wir stehen heute mittendrin in einer Vielfalt von sozialen und gesellschaftspolitischen Fragen, die einer kritischen Reflexion bedürfen, Fragen der Ethik im Umgang mit Leid und Sterben, Nicht-Gebraucht-Werden als alterspflegebedürftige Person, als langzeitarbeitsloser oder chronisch kranker Mensch. Genau auf diese Fragen wollen wir gemeinsam Antworten entwickeln mit dem „Johann Wewer Projekt“ für den bundesweiten Theater-Wettbewerb zu Biographien der Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen.

Theatergruppe: nicht Sozialarbeit sondern Erinnerungskultur

Für den bundesweiten Theater-Wettbewerb „andersartig gedenken – on stage“ zu Biographien der Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen suchen wir Interessierte. Das „Johann Wewer Projekt“ ist ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit und ohne Behinderung im Alter von 10 bis 99 Jahren. Mitmachen können alle, die Interesse an inklusivem Theater mitbringen. Weitere Informationen dazu gibt es beim Projektleiter Rolf Allerdissen unter studio(at)johann-wewer.de 

Das „Johann Wewer Projekt“ erfüllt die im Artikel 30 der UN-BRK geforderte Teilhabe am kulturellen Leben. Zudem setzt das Projekt eine umfangreiche Barrierefreiheit um (vgl. Artikel 9 der UN-BRK) und fördert die Bewusstseinsbildung der Gesellschaft. (vgl. Artikel 8 der UN-BRK).

Eine Gesellschaft lebt von Vielfalt. Ich wünsche mir, dass meine Kinder diese Vielfalt täglich erleben können und dass sie zu weltoffenen und toleranten Menschen heranwachsen. Ich möchte, dass sie die Geschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen kennen und es niemals zulassen, dass so etwas wieder passiert.“

Jasmin Tabatabai, Schauspielerin und Musikerin